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Bindung








Bindung bedeutet sich geborgen fühlen
Bindung bedeutet sich geborgen fühlen

Bindung ist ein Thema, dass mich schon mein Leben lang begleitet. Ich habe eine gute Beziehung zu meiner Mutter. Das war allerdings nicht immer so. Lange war mir nicht klar, woran es lag. Als ich selbst Mutter wurde, bemerkte ich auch bei mir immer mal Unstimmigkeiten. Teilweise totale Gefühlskälte meinerseits gegen die ich nicht ankam. Als ich mit meiner Mutter darüber sprach, sagte sie nur das hast du von mir. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. 
Sie hatte eine furchtbare Kindheit und benötigte diese Gefühlskälte vermutlich zum Überleben. Dennoch gab sie ihr Bestes, um uns Fünfen eine gute Mutter zu sein. Im Kern ist ihr das ganz sicher gelungen. 
Ich brauche diese Gefühlskälte nicht zum Überleben und seit ich weiß woher sie kommt, kann ich viel besser damit umgehen. Außer in Momenten totalen Kontrollverlusts. Dann kämpfe ich immer noch - mit mir selbst.
 
Während meines Vorpraktikums zur Erzieherausbildung lernte ich das erste Mal gezielt etwas über Bindung und Bindungstheorien von John Bowlby und Mary Ainsworth
 
"Die Bindungstheorie ist eine psychologische Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen."
 
Da kribbelt es in meinem Herzen. Ja, das stimmt, ruft es ganz laut in mir.
 
"Die erste Beziehung zwischen einem Baby und seiner Hauptbezugsperson ist eine entscheidende Voraussetzung für eine normale Entwicklung."
 
Mein erstes Kind habe ich ambulant entbunden. Ich wollte ausschließlich meinem Herzen folgen und mir nicht fremdbestimmt und verloren vorkommen. Ich hatte eine supertolle Hebamme, die mich genauso unterstützt hat, wie ich es brauchte. Ich bin ihr bis heute unendlich dankbar! 
 

Bei der U5 schrieb die Kinderärztin als Bemerkung ins U-Heft "gute Mutter-Kind-Bindung". Darüber habe ich viel nachgedacht. Meine Tochter hat viel geweint, besonders nachts. Und weil ich es nicht besser wusste, unsicher und teilweise sehr erschöpft war, ließ ich sie weinen. 

Ich habe also doch irgendetwas ziemlich gut gemacht. Das Gefühl gibt mir jedenfalls die Ärztin.
 
Darauf möchte ich aufbauen. Wie vermutlich bei vielen anderen frischgebackenen Mamas stapeln sich bei mir Erziehungsratgeber. Einiges klingt hilfreich und berührt mein Herz, anderes scheint nicht zu mir zu passen.
Das Weinen lassen, lasse ich hinter mir. Nur noch in seltenen Fällen lasse ich eins meiner Kinder weinen. Nämlich dann, wenn ich das Gefühl bekomme meinem Kind sonst etwas anzutun. Das Gefühl kennen alle Eltern ganz bestimmt, auch wenn es ein Tabuthema zu sein scheint. Aber nur wenn man es zur Sprache bringt, ist die Gefahr gebannt. Sich seine Schwächen bewusst zu machen und nach Hilfe zu suchen/rufen, bringt die benötigte Entlastung, für die Belastung, die wir uns allzu oft selbst auf die Schulter laden.
Mir persönlich fällt es sehr schwer Hilfe anzunehmen, geschweige denn darum zu bitten. Das ist etwas, was ich durch die Geburt unseres 6. Kindes und den dazugehörenden Umstände unbedingt lernen musste.
Die Kinder 2 bis 5 habe ich im Krankenhaus bekommen und darauf bestanden, sie so viel wie möglich bei mir zu behalten oder sie wenn möglich zu begleiten. Zum Beispiel zum Neugeborenenscreening. 
Wenn sie nachts mitgenommen wurden, weil es irgendeine bekloppte Sicherheitsregelung gab, lag ich wach und zwar bis mein Baby zurück war - hin und wieder ging ich dann zum Säuglingszimmer. Denn an Schlaf war für mich eh nicht zu denken. Hallo. 9 Monate ununterbrochen verschmolzen und dann auf einmal alleine sein? Nee nicht mit mir. Und ich vermute dem Baby ergeht es ähnlich. Zu Hause muss ich es ja auch alleine schaffen, also mit meinem Baby. Da möchte ich mich gerne von Anfang an drauf einstellen können, wie mein Kind so tickt. 
Vielleicht ist das bei dir ja anders? Das ist ok. Jeder bringt schließlich seine eigene Geschichte mit!

Was ich auch feststellte, im Krankenhaus kommt jede Schwester mit ihren eigenen Vorstellungen - viele davon unterscheiden sich gewaltig und verunsichern gerade junge, frisch gebackene Mütter. Irgendwie war ich auf Station dann immer diejenige, die den anderen Mamas geraten hat auf ihr Herz zu hören und war erschrocken, wieviele Frauen das gar nicht mehr richtig können. 
Der Trend geht momentan zum Glück wieder in die Richtung, auf sein Herz zu hören.
Ich für meinen Teil mache die endlosen Vorschriften und Regelungen dafür verantwortlich, nicht mehr auf sein Herz zu hören. 
Hier zeigte sich für mich auch, dass es die richtige Entscheidung für mich war beim ersten Kind ambulant zu entbinden und meinen Weg zu gehen. So konnte ich bei den anderen Kindern auf Station die Schwestern freundlich anlächeln und mich für ihre Tipps bedanken ohne unsicher zu werden und trotzdem das für mich richtige tun. 
 
Ich bin mir ganz sicher, dass es die Bindung zwischen uns und unserem Baby maßgeblich beeinflusst, ob wir unserem Herzen folgen


Das Wissen darum wurde bei mir zunehmend erweitert. 1. Durch die Ausbildung zur Tagesmutter und 2. durch mein Studium, indem Bindung ebenfalls ein wesentliches Thema war, dass sich mir nun auch aus wissenschaftlicher Perspektive ins Herz schrieb.
  
"Wenn die Kinder klein sind, 
gib ihnen Wurzeln.
Wenn die Kinder groß sind, 
gib ihnen Flügel."
(Indisches Sprichwort)



.
Mein 5. Kind bekam ich kurz nachdem ich meine Masterarbeit (über Geschwisterbeziehungen) abgegeben hatte.
Dieses Kind war und ist ein absolutes Traumkind, wie man es sich nur wünschen kann. Ich denke es liegt großteils daran, dass ich meinem Herzen und seinen Bedürfnissen gefolgt bin. Er hat als Baby niemals groß geweint - außer kurz bei Impfungen. 
Ich weiß noch, als er mit etwa 14 Monaten Physiotherapie bekam und herzzerreißend geweint hat, weil ihm die Dehnung so weh tat. Ich konnte nichts tun, außer ihn abzulenken. Innerlich habe ich mitgeweint 😭.
 
Als ich dann mit Kind 6 schwanger war, stand für mich definitiv fest meine Bedürfnisse bereits bei der Anmeldung im Kreißsaal zu äußern und wenn notwendig zu unterschreiben, dass ich mein Baby auf eigene Verantwortung bei mir behalten würde. 
 
Erstaunlicherweise erzählte uns meine Hebamme im Vorbereitungskurs von zahlreiche Neuerungen im Krankenhaus, die sich bezüglich der Bedeutung der Bindung von Mutter und Kind ergaben.
  
"Die erste Zeit mit dem Baby
24-Stunden-Rooming-in und Bonding fördert eine innige Mutter-Kind-Beziehung. So können Sie dem Bedarf Ihres Kindes entsprechen. Unser Ziel ist es, Ihr Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten als Eltern zu stärken, damit Sie für zu Hause gut gewappnet sind."
 
Ich war sprachlos! Endlich ein Umdenken in den Kliniken. Meine Hebamme war auf einer Bondingschulung und sprach von einem ganzheitlichen Umdenken und den Eltern mit ihren Bedürfnissen mehr nachzukommen.
 
 "Der optimale Start ins Leben ist wichtig für eine intensive Mutter-Kind-Beziehung: Der Hautkontakt direkt nach der Geburt, das Rooming-in sowie das Anlegen der Neugeborenen an die Brust der Mutter sind wesentliche Bestandteile des Konzeptes in „zehn Schritten” – welches Grundlage für die Zertifizierung als babyfreundliche Klinik ist.  
 
  • Schriftliche B.E.St.®-Richtlinien auf der Grundlage der „Zehn Schritte für eine Babyfreundliche Geburtsklinik”
  • Regelmäßige Mitarbeiterschulungen
  • Schwangere Frauen über die Bedeutung und die Praxis der Bindungs- und Entwicklungsförderung unter Einbeziehung des Stillens informieren
  • Den Müttern unmittelbar ab Geburt Hautkontakt mit ihrem Baby ermöglichen
  • Den Müttern korrektes Anlegen zeigen und ihnen erklären, wie sie ihre Milchproduktion aufrechterhalten können
  • Neugeborenen nur bei medizinischer Indikation Flüssigkeiten oder sonstige Nahrung zusätzlich zur Muttermilch geben
  • 24-Stunden-Roaming-in praktitieren: Mutter und Kind bleiben Tag und Nacht zusammen
  • Zum Stillen/Füttern nach Bedarf ermuntern
  • Gestillten Kindern keine künstlichen Sauger geben 
  • Die Mütter auf Stillgruppen hinweisen."
      
Und hier wollte ich nun unbedingt mein sechstes Kind bekommen. Leider kam es nicht soweit. Ich war nur 2 - 3 Mal bei dem Geburtsvorbereitungskurs und dann kurz nach der Geburt nochmal um meiner Hebamme Bescheid zu geben und den anderen Eltern Mut zu machen, auf ihr Herz zu hören. Ganz besonders wenn Ihnen etwas komisch vorkam!
 
Bei Kind Nr 6 wurde ich nun massiv auf die Probe gestellt. Ich wusste, dass ich mein Baby hatte abgeben müssen, damit es überlebt. Aber warum hatte ich ihn nicht hochgenommen als er frischgeboren war und noch über die Nabelschnurr versorgt wurde. Ich hätte ihm ein ganz anderes Grundgefühl mitgeben können. Nämlich das ich ihn liebe, dass er in Sicherheit sei und ich sooft wie möglich in seiner Nähe sein würde. Zu gerne hätte ich ihm das zugeflüstert, bevor er mir (vorübergehend) genommen wurde. Aber dazu war ich nicht in der Lage gewesen und so mussten wir es in der darauffolgenden Zeit ausbaden.
Als ich selbst noch stationär im Klinikum lag,  durfte ich Linus nicht einmal halten oder das berühmte Kangarooing, also die Känguru-Methode machen. Bei der das nackte Baby auf die nackte Brust der Mutter gelegt wird.
Dabei wären meiner Meinung nach die Auswirkungen des Kangarooing genau das gewesen, was Linus gebraucht hätte.
"Frühgeborene, die mit der Känguru-Methode versorgt werden, haben eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit und sind weniger anfällig für schwere Krankheiten, darunter Krankenhausinfektionen und Atemwegserkrankungen. Verbesserungen sind ebenfalls bei Körpertemperatur, Herzschlag und Atemfrequenz nachweisbar.
Weitere Studien deuten auf eine bessere geistige Entwicklung, geringeren Stress, weniger Empfinden sowie positive Auswirkungen auf Wachstum und motorische Entwicklung hin. Darüber hinaus konnte der Anteil der Frühgeborenen, die ausschließlich durch Stillen gefüttert wird, gesteigert werden. Die Methode kann sich positiv auf Mutter-Kind-Beziehung auswirken. Sie wirkt sich positiv auf die Zufriedenheit und Zuversicht der Eltern aus."
Denn er war andauernd so unruhig und schlug um sich und musste mehrfach sediert werden, weil es regelmäßige Sprünge bei den Herztönen und der Sauerstoffsättigung gab.   
Sowohl meinen Ängsten, als auch denen von Linus hätte mit Sicherheit der Wind dadurch aus den Segeln genommen werden können. 
 
"Beim Hautkontakt wärmen sich Neugeborene schneller auf. Sie hören den bekannten Herzschlag der Mutter, ahmen deren Atmung nach - und weinen weniger. Der intensive Kontakt fördere zudem die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin, das wiederum dafür sorge, dass sich die Gebärmutter schneller schließe, erklärt Neff. So gebe es weniger Komplikationen, der Schmerzmittelbedarf sei ebenfalls geringer."
 
Und tatsächlich traf genau das ein, als ich Linus dann ab Sonntag im Arm halten durfte. 
Als ich am Montag wiederkam, war ich zunächst in Panik geraten, weil Linus nicht mehr da war. Allerdings erfuhr ich dann, dass es ihm soviel besser ging, dass er umverlegt wurde. Er war in einen Raum weiter nach vorne gezogen. Von der Putzfrau erfuhr ich,  dass das ein sehr gutes Zeichen ist. Umso weiter man nach vorne zieht, umso eher darf man nach Hause. Von da an und mit zunehmendem Körperkontakt ging es mit Linus steil bergauf 😊. 
Zwei Ziele mussten wir auf jeden Fall meistern. Die Gewichtsmarke von 2200g knacken und Linus musste selbstständig trinken lernen. Denn eins war sehr schnell klar. Ich hatte keine Ängste mein zartes Baby zu versorgen.
Kangarooing - Känguruh-Methode
Kangarooing - Känguruh-Methode

Trotzdem scheinbar alles bestens verlief, war es für mich jeden Tag ein Weltuntergang, wenn ich Linus auf der Intensivstation zurücklassen musste. Es war als würde ein Teil von mir tot sein, um das ertragen zu können. So als geht man nur zu einem Bekannten um ein Tier zu versorgen, das man sehr gerne hat. 

Noch schlimmer war für mich, dass mir einige der Schwestern regelmäßig das Gefühl gaben, mein Kind besser zu kennen, als ich. 
Es war für mich doch schon schlimm genug, nur wenige Stunden pro Tag mit meinem kleinen Baby zu haben. 
Ich sehnte mich so sehr danach meine Familie zu vereinen. So viel Liebe wartete auf dieses kleine Wunder. 
Ein großer Trost war für mich der Kontakt und Austausch mit den anderen Müttern. Wir hatten unter uns die Absprache gegenseitig auf die Babys zu achten, wenn jemand nicht da war und die Kleinen weinten.
Denn eins war ziemlich schnell klar. Die Schwestern auf der Station waren regelmäßig überlastet. Es gab immer wieder Babys, die gefühlte Ewigkeiten weinten und für die keiner da war. Das zerriss mir regelmäßig das Herz und ich betete, dass Linus nicht so lange weinen gelassen würde. 
Als ich meine Bedenken gegenüber den Schwestern äußerte, lautete die Antwort. "Die können sich doch eh nicht erinnern, weil sie noch kein Gedächtnis haben." 😲 What? Ich dachte ich höre nicht richtig. Und selbst wenn. Sie fühlen sich doch trotzdem allein gelassen, verloren, verzweifelt, überfordert, ungeliebt und vermutlich noch vieles mehr. Babys weinen niemals ohne Grund. Wenn sie dann irgendwann still sind, dann nur deswegen, weil sie die Hoffnung verloren haben, dass jemand zu ihnen kommt. Sie resignieren schlechthin.
Wer schon mal in einem Waisenhaus in Bulgarien und Co war, und dort trotz 200 anwesenden Babys und Kindern nicht das kleinste Geräusch hört, kann sich den Rest denken. Es bricht mir das Herz 😢
 
Mein Herz lebte erst dann wieder vollständig auf, als wir Linus endlich zu Hause hatten. 
Allerdings arbeiten wir bis heute daran, sein Urvertrauen zu fördern und die Bindung zu festigen. Oft sind es Kleinigkeiten, in denen man seinen harten Start entdeckt. Aber besonders beim Schlafen, schlummern tiefe Ängste in ihm, die erst jetzt langsam zur Ruhe kommen. 
Es braucht unendlich viel Geduld und Liebe, um den unschönen Start zu reparieren.
 








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